Auf der Matte
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Du denkst du hast mit Tantra nichts am Hut? Pah!

Cirka 3 Millionen Deutsche praktizieren regelmäßig Tantra und wissen es nicht. Du auch?

Denn der Hatha-Yoga und all seine Stilarten (z. B. Asthanga, Iyengar, Anusara, Jivamukti…) stammen aus dem Tantra. Hättest du nicht gedacht? Glaubst du nicht? Ist aber so!

Tantra: Was ist das & was hat es mit Yoga zu tun?Click To Tweet

Was ist Tantra?

Tantra bedeutet übersetzt ausdehnen/strecken, oder auch dasjenige, durch das Wissen ausgeweitet wird. Er ist ein Erfahrungsweg, deren erste Schriften etwa im 1. Jahrhundert nach Christus entstanden.

Die Tantriker waren die Rebellen dieser Zeit! Denn der Weg des Tantra ist eine rebellische Antwort auf die sehr asketische und weltentsagende Tradition des Advaita Vedanta. Die Vedantiker sahen die materielle Welt und den Körper als nicht echt an. Sie bezeichneten diese als Maya, als Einbildung, die nicht Wirklichkeit ist. Um zur Erleuchtung zu gelangen zogen sie sich völlig aus der alltäglichen Welt zurück und achteten nicht mehr auf ihren Körper.

Dabei war dieser Weg nur der Elite Indiens vorbehalten, alle anderen sollten weiter im ewigen schmerzvollen Kreislauf der Wiedergeburten bleiben, bis sie es sich verdienten als höher gestellter Mensch wiedergeboren zu werden (das lass ich jetzt mal besser unkommentiert). Die ersten Tantriker antworteten darauf mit einem damals völlig neuartigen und geradezu lasterhaften Stil des Erkenntnisweges.

Was war anders?

Der Körper wurde mit dem Geist auf eine Stufe gestellt.

Laut der tantrischen Lehre bedingen und beeinflussen sich die beiden, sind zwei Seiten einer Medaille. Ohne Geist keine Erleuchtung, aber ohne Körper auch nicht. Oder weltlicher: Wenn es dem einen nicht gut geht, kann es um den anderen auch nicht perfekt beschaffen sein.

Somit konnte der Körper – als Tempel des Geistes – endlich auf dem Weg zur Erleuchtung und mehr Zufriedenheit mit einbezogen werden.

Laut den Tantras folgt der Körper nämlich den selben Gesetzen wie der gesamte Kosmos. Wenn wir lernen unseren Körper zu verstehen, lernen wir auch den Kosmos zu verstehen.

  • Der Übungsweg sollte nicht mehr abseits der Welt, sondern mitten im alltäglichen Geschehen stattfinden.
  • Die Tantriker fragten sich „Warum müssen wir von Lust und Vergnügen lassen, wenn wir Seligkeit erfahren wollen?“
  • Tantra wurde für jeden Menschen gleich zugänglich, egal welcher Kaste. Da gab es keine reinen und unreinen Menschen. Sondern einfach nur Menschen.
  • Die weibliche Natur und damit die weiblichen Gottheiten wurden wieder anerkannt.
  • Die tantrischen Lehrer stellten Eigenexperiment und Selbsterfahrung über vorgefertigte Wege und anerkannte Moralvorstellungen.

Dabei übernahmen die frühen Tantriker eigentlich nur schon vorhandene Überlieferungen und Ritualbräuche aus den ländlichen Gegenden Indiens. Wie alt der Übungsweg an sich also wirklich ist, ist nicht zu sagen.

OhMyYogi-Style

Tantra und Erleuchtung? Das ist doch nur Sex.

Dazu schauen wir uns zunächst am besten die Themenfelder der tantrischen Schriften an:

  • Die Erschaffung der Welt und deren Geschichte
  • Gottheiten
  • Rituale
  • Magie
  • Zauber
  • Zukunftsvorhersage
  • Beschaffenheit des feinstofflichen Körpers
  • Die Erweckung der Kundalini
  • Techniken zur körperlichen und geistigen Reinigung
  • Erleuchtung
  • Sexualität

Na, wieviel Platz nimmt die Sexualität hier ein? Nicht viel!

Und trotzdem schafften die Gegner (also die höhere Kaste Indiens) Tantra in den Dreck zu ziehen und als rein perverse sexuelle Orgie zu verkaufen. Denn den Körper und die Sinne in die spirituelle Praxis mit einzubeziehen – bis zu den sexuellen Ritualakten – stoß bei der orthodoxen Elite Indiens auf Widerstand.

Zwar hat Tantra es trotzdem bis zu uns in den Westen geschafft, doch wird er auch hier immer noch missverstanden, und wie von den Orthodoxen Indiens immer noch auf die Sexualität reduziert.

Aber ein paar bekannte indische Yogalehrer waren nicht dumm. Sie verkauften uns den Hatha-Yoga, ohne überhaupt nur zu erwähnen dass er ein tantrischer Übungsweg ist. Und wir fahren voll drauf ab.

Die Vereinigung von Shiva und Shakti

Da Tantra den Körper – und somit die materielle Welt – wieder in die spirituelle Praxis integrierte, wurde hier auch vor allem das weibliche Prinzip der Gottheit (Shakti) verehrt. Denn dieses steht in Indien immer für die Materie – die Welt, wie wir sie kennen und greifen können – für die Energie des Schaffens und der Bewegung. Dahingegen steht das männliche Prinzip (Shiva) für die ursprüngliche Energie des absoluten Seins, das was übrig bleibt, wenn Materie, Bewegung und Veränderung wegfallen.

Das tantrische Ziel ist die Vereinigung von Materie und absoluten Sein, von Shiva und Shakti. Also das Aufheben der Gegensätze.

Diese Vereinigung von Shiva und Shakti, von männlich und weiblich, haben auch die Tantriker unter sich verschieden verstanden. Es bildeten sich die rechtshändige und die linkshändige Bewegung. Während die linkshändigen Tantriker auch heute noch die sexuellen Rituale durchführen, werden die (teilweise schon sehr krassen) Anweisungen der tantrischen Texte von den rechtshändigen lediglich symbolisch verstanden. Einerseits als Geheimsprache und andererseits als Provokation an die orthodoxe Elite.

Tantra Yoga… Und was hat das jetzt mit Hatha Yoga zu tun?

Die körperlichen Übungen des Tantra waren Asanas (Körperübungen), Kriyas (Reinigungsübungen) und Pranayamas (Atemübungen). Die Meditationen basierten auf Mantren, Mudras, Yantras und Mandalas. Das ist so ziemlich genau das, was wir heute beigebracht bekommen, wenn wir in eine gute Yogastunde gehen.

Hatha-Yoga ist also ein tantrischer Übungsweg, welcher für die Menschen des dunklen Zeitalters (Kali-Yugas) angepasst wurde.

Diesem Zeitalter wurde nachgesagt, dass die Qualität des Bewusstseins so weit abgenommen haben wird, dass die Menschen sich nicht mehr einfach hinsetzen und still sein können. Durch die starken Sinnesreize und die damit einhergehende Fokussierung auf die Außenwelt werden ihre Sinne zu zerstreut dafür sein.

Kommt dir das irgendwie bekannt vor?

Vielleicht magst du dieses Wissen jetzt erstmal als verstörend empfinden, wenn du das nächste Mal zum Yoga gehst. Doch der Tantra ist ein hochinteressanter Weg, der es verdient, mehr Aufmerksamkeit zu bekommen. Er unterscheidet deine Yogapraxis vom Sport und macht sie zu einem Weg der Selbststudie und der Energielenkung.

 

Wenn es dich dann immer noch verstört, werde dir bewusst, dass du Teil dieser großartigen Revolution der Tantriker bist!

Betty

Bildquelle: Flickr, Sharada Prasad CS

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Kategorie: Auf der Matte

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Hi, ich bin Betty, Yogalehrerin, Bloggerin, Reiseleiterin und die Gründerin von Oh My Yogi. Im Jahr 2000 entdeckte ich Yoga für mich und stand meine halbe Jugend lang auf dem Kopf, bevor ich elf Jahre später begann von meiner Leidenschaft zu leben und mich in die Freiheit der Selbstständigkeit zu verlieben. Hier zeige ich dir, wie du Yoga mit Herz lebst und authentisch unterrichtest. Frei und spirituell, geerdet und echt - ganz so, wie es dich glücklich macht.

7 Kommentare

  1. Hey Bettina,

    kannst du mir ein klares, fundiertes Buch über Tantra allgemein, aufsteigende Kundalini und / oder Reinigungstechniken und /oder Sexualität empfehlen?

    Wäre neugierig, meine Nase da tiefer reinzustecken. Fand bisher aber bisher keine Werke, die mich angesprochen haben.

  2. Cooler Text! Nachdem ein Yogainteressent mich mal am Telefon fragte, ob er denn auch alleine zum Yogakurs kommen kann, hab ich nicht mehr „Hatha-Yoga in tantrischer Tradition“ auf meinen Flyer geschrieben…Dabei ist es eigentlich Tantra-Yoga, was ich unterrichte, aus der Shaiva- Siddhanta- Tantra – Tradition. Kann man nur keinem sagen ;-)…

  3. Hi Bettina,

    dein Artikel ist recht informativ, und ich finde es gut, dass du hier ein paar Dinge richtig stellst. In einigen Punkten widerspreche ich jedoch, bzw. hätte da noch ein paar wichtige Ergänzungen beizufügen:

    „Aber ein paar bekannte indische Yogalehrer waren nicht dumm. Sie verkauften uns den Hatha-Yoga, ohne überhaupt nur zu erwähnen dass er ein tantrischer Übungsweg ist. Und wir fahren voll drauf ab.“

    Dem kann ich so nicht zustimmen. Denn wir hier im Westen waren und sind es, die den Tantra-Yoga geradezu missbrauchen oder umfunktionieren zu einer rein sportiven Angelegenheit. Die meisten, die das Etikette „Yoga-Lehrer“ tragen, haben eine rein westliche Ausbildung – sind kaum oder nie in Indien gewesen, und haben auch nie einen indischen Lehrer oder gar Meister gehabt. Daraus ergab sich im Laufe der letzten Jahrzehnte eine kuriose Situation: Die ursprüngliche Lehre wurde derart verwässert, dass von dem Ursprünglichen kaum mehr etwas übrig geblieben ist. Das hat wohl unter anderem ökonomische Gründe. Die westlichen Lehrer richteten sich auf den westlichen Markt und dessen Gesetze von Angebot und Nachfrage aus. Außerdem sind westlichen Tantra-Lehrer oder „Experten“ selten wirklich kompetent. Warum? Ganz einfach: Sie haben nie wirklich von der Quelle getrunken. Dorthin zu gelangen kostet Zeit (wer hat die heute) und ist sehr mühevoll. Quellen liegen immer ganz oben ….

    Diese Entwicklung des Tantra in der westlichen Kultur ist aber sicherlich auch unseren Bedürfnissen und insbesondere unserem – mit Verlaub – Entwicklungsstand geschuldet. Hier im Westen identifizieren sich die meisten Menschen mit ihrem Körper. Und so hat sich Yoga bei uns zur reinen Körperarbeit „entwickelt“. Ja, du hast recht – Körper und Geist werden im Tantra nicht unterschieden. Und doch ist der Körper nicht das Ziel, auf das sich der tantrische Yogi ausrichten soll. Bei uns ist das größtenteils sehr wohl der Fall. Aber vielleicht ändert sich das ja mal. Ich weiß im Übrigen von inzwischen verstorbenen geradezu berühmten und heute noch verehrten indischen Tantra-Meistern, die sich sogar entschieden gegen die allzu intensive Praxis des Hatha Yoga richteten, mit der Begründung, dass hierdurch die Fixierung auf den Körper noch verstärkt werde. Dazu kann man stehen, wie man will. Tatsache ist, das es im Tantra um das Höchste Bewusstsein geht, das im Körper wohnt – es geht sozusagen um den Fahrer und nicht ums Auto.

    Noch etwas anderes. Es gibt außer der Spiritualität noch einen weiteren wichtigen Bereich innerhalb der Tantrischen Tradition, auf den du aus meiner Sicht mehr eingehen solltest, da er allentscheidend für unser Verständnis des Tantra ist: Die Philosophie. Die Philosophie des Tantra. „Tantra“ ist im übrigen auch eine Literaturgattung, deshalb spricht man von „den Tantras“ (Mahanivana Tantra, Kaula Tantra, etc.). Wer sich mit Tantra ernsthaft befasst, kommt hier gar nicht dran vorbei. Und in diesem Bereich der Tantra-Philosophie tut sich für uns geradezu ein Schatz auf. Denn es handelt sich um eine außerordentlich lebenspraktische, im Alltag anwendbare Weisheits-Philosophie, die ihresgleichen Sucht. Wir haben hier im Westen so etwas nie gehabt.

    Du hast ein Werk bereits genannt, das Vijnana Bhairava Tantra. Bestens aufgearbeitet von meiner hochgeschätzten Kollegin Prof. Bettina Bäumer. Dieses Werk stammt aus einer Tradition, dem „Shivaismus von Kashmir“, den ich gerne als „Alpha Tantra“ bezeichne. Denn hier finden wir die hohen und höchsten Lehren des Tantra in Reinform. Der „Shivaismus von Kashmir“ (auch „Trika System“) hat nichts mit dem zu tun, was die meisten bisher unter dem Begriff „Tantra“ kennen gelernt haben. Es geht hierbei – und das ist das vornehmste Ziel des Tantra – um die Erkenntnis unserer eigenen wahren Natur als Höchstes Bewusstsein – als Shiva.

    herzliche Grüße, Joachim

  4. Shiva Dasa sagt

    Namaskara Bettina,
    fast Richtig was du schreibst. Etwas verkürzt und ungenau, aber vom Prinzip her richtig.

    LG
    Shiva Dasa

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