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Anusara Yoga mit Vilas Turske: 10 wertvolle Tipps für Yogalehrer aller Stile

Anusara Yoga Vilas Turske

Zugegeben, trotz „traditionell“ festgesetzten Yogasequenzen, Patente auf ganze Yogastile und Zickereien unter den verschiedenen Richtungen (ups), liebe ich es sie zu mischen. Diese Grenzen sind doch eh totaler Blödsinn. Ich suche mir gerne das raus, was mir gefällt, und mische alles zusammen zu meinem eigenen sich immer wieder verändernden Yogastil: Betty-Yoga sozusagen.

Deswegen habe ich mich auch sehr auf den Anusara-Ausrichtungs-Workshop Anfang Mai im UNIT-Yoga Wiesbaden gefreut. Vilas Turske gestaltete diesen speziell für Yogalehrer aus anderen Stilen, zum Schnuppern und Austauschen. Ich liebte diese Offenheit. Und darum schreibe ich dir jetzt auch keinen Artikel darüber, was Anusara Yoga ist oder nicht ist, sondern ich schreibe dir, welche Lektionen und Inspirationen von Vilas bei mir hängen geblieben sind. Weil sie mich berührt haben!

Mehr über die Grundprinzipien des Anusara Yoga und den Ablauf des Workshops kannst du auf dem Blog yogastern.com lesen. Steffi war nämlich auch dabei und hat berichtet >>

Jetzt aber zu meinen Learnings…

1. Yoga ist, wenn alle Koshas angesprochen werden.

Laut Yogaphilosophie bestehen alle Lebewesen aus 5 verschiedenen Körperhüllen:

  • Annamaya Kosha – die Nahrungshülle,  bestehend aus unserem grobstofflichen Körper
  • Pranamaya Kosha – die Energiehülle, bestehend aus Prana, Nadis und Chakren
  • Manomaya Kosha – die emotionale Hülle, bestehend aus spontanen Gedanken, Emotionen und dem Unterbewusstsein
  • Vijnanamaya Kosha – die intellektuelle Hülle, bestehend aus unserem Ego, der Urteils-, Entscheidungs- und Willenskraft
  • Anandamaya Kosha – die Wonnehülle, bestehend aus den Urprinzipien, des Karmas und der Intuition

Wir praktizieren nur Yoga, wenn wir all diese fünf Hüllen unseres Körpers berühren. Die vielen verschiedenen Tools des Yoga wie z. B. Asana, Pranayama & Meditation führen uns – zusammen eingesetzt – vom Grobstofflichen (Körper) zum Feinstofflichen (Innenleben) und lassen alle Hüllen erfahren.

Die intentionslose Ausführung einer Reihe von Asanas ist noch kein Yoga.

2. Die äußere Form wird nicht von außen, sondern von innen bestimmt.

Natürlich ist es wichtig darauf zu achten, dass sich unsere Schüler keine Verletzungen zuziehen. Aber ist es wirklich richtig jede kleinste Korrektur vorzunehmen, nur damit sie aussehen wie in Iyengars Buch „Licht auf Yoga“? Vilas sagt nein und ich stimme ihm zu.

Jede eingenommene Haltung ist ein Ausdruck des Schülers selbst. Und bevor wir seine tief aus sich heraus entstandene Asana verändern, sollten wir uns fragen, ob diese Veränderung ihn vor Verletzungen bewahrt oder ihn nur in eine bestimmte Form presst.

Die genaue körperliche Ausrichtung im Anusara Yoga (die nebenbei für ihre gesunde Detailverliebtheit bekannt ist) basiert nicht auf dem äußeren Körper, sondern auf dem Energiefluss in uns. Die Frage ist: In welcher Ausrichtung sind meine Energiebahnen frei, sodass die Energie ungehindert fließen kann? Und manchmal kann diese Frage nur der Körper selbst beantworten und nicht wir Lehrer, die von außen auf ihn drauf schauen.

Workshop-Anusara-Yoga-Vilas-Turske

Oh my Yogi Style

3. Unterstützen anstatt korrigieren.

Wenn wir einen Schüler korrigieren, impliziert das automatisch, dass er etwas falsch gemacht hat. Doch wollen wir uns beim Yoga nicht eigentlich lösen von Zielorientierung, Zwang und Perfektionismus? Hand Ons und Adjustments können den Schüler korrigieren (ihn in eine vermeintlich richtige Haltung drücken) oder unterstützen (ein Gefühl für den Weg geben).

Wenn du darauf achtest, dass deine Hilfestellungen dem zweiten Weg folgen, wirst du deine Schüler nicht nur unterstützen, sondern sie auch bestärken in dem was sie tun und damit motivieren, ihren eigenen Weg zu gehen.

Buch-Tipp: „Hands On Yoga“ von Nadezhda Georgieva >>

4. Alles verändert sich, alles ist möglich.

Ein Ansatz, welcher mir im Anusara Yoga besonders gefallen hat war der, dass alle Möglichkeiten schon in uns stecken. Und da wir uns in ständiger Veränderung befinden – IMMER – jede Möglichkeit zu jedem Zeitpunkt Wahrheit werden kann.

Das gab mir selbst bei den schwierigsten Übungen Vertrauen und die Lust es zumindest auszuprobieren. Dieses Gefühl möchte ich gerne an meine Schüler weitergeben und in ihre freudigen Gesichter schauen, wenn sie etwas geschafft haben, was sie zuvor für unmöglich gehalten haben.

Workshop-Anusara-Yoga

5. Gleichgewicht zwischen Stabilität und Leichtigkeit führt zu Freiheit.

Asana ist eine Ausrichtung zwischen dem Tun und dem Geschehen lassen, so steht es schon im Yogasutra von Patanjali:

„sthira-sukham-asanam.“

„Die Sitzhaltung soll fest und angenehm sein.“

Patanjali, Sutra II.46

Vilas motivierte uns während des Workshops immer wieder, ein Gleichgewicht zwischen Muskelanspannung (tun) und -entspannung (geschehen lassen) zu finden.

Dabei kann der Weg für jeden ein anderer sein. Der muskelbepackte Bodybuilder benötigt oft ein bisschen mehr sukham (Leichtigkeit) und die dehnbare Ballerina Motivation für mehr sthira (Festigkeit). Und so sind sie auf zwei unterschiedlichen Wegen dennoch zum gleichen Ziel: Gleichgewicht.

Unsere Aufgabe als Lehrer ist, genau das zu erkennen und in die richtige Richtung zu lenken.

6. Auch als guter Lehrer brauche ich die Phase des Empfangens.

Tun und geschehen lassen, geben und empfangen. Dieses Gleichgewicht sucht nicht nur der Schüler, sondern auch wir als Lehrer. Ein Lehrer der nur gibt, das hört sich erst mal ehrenvoll an. Doch kann sein Unterricht nicht an die Schüler angepasst sein, wenn vorher nicht empfangen wurde.

Wie geht es der Gruppe heute? Was sagen mir ihre Körperhaltungen, Gesichtsausdrücke, Augen? Wenn ich wie eine Antenne auf Empfang stehe, kann ich das was ich gebe gezielter ausrichten und die Yogastunde spontan und intuitiv anpassen. Wobei wir beim nächsten Punkt wären…

workshop-anusara-yoga-bettina-janssens

7. Yoga ist ein kreativer Akt.

Danke Vilas für diese Erleuchtung, die so viel neue Freude in mein Yoga und das Unterrichten bringt. Ich praktiziere und unterrichte schon immer lieber intuitiv aus dem Moment heraus. Zuzugeben, dass ich relativ planlos in eine Yogastunde gehe, um mich dem Flow hinzugeben, fiel mir bei den ganzen Strichmännchen auf Papier meiner Kollegen jedoch schwer. Schön zu wissen, dass ich nicht alleine bin!

Silke, die auch am Workshop teilnahm, hat auf dem Unit-Yoga-Blog berichtet und tolle Worte zu Yoga & Kreativität gefunden, die ich mit dir teilen möchte:

„Die Vorstellung, dass wir im Yoga kreative Erschaffer sind, finde ich umwerfend! Kreativität und Gestaltung bestimmen die Art, wie jede/r von uns ihre/seine Stunden hält. Der Ausdruck in Sprache, Gestik oder auch die Flows im Vinyasa Yoga – all das eröffnet uns kreative Spielräume. Das wiederum bringt Freude an der Sache und schafft das Fundament, etwas Gutes weiterzugeben und uns selbst sowohl als Lehrer als auch als Schüler weiterzuentwickeln.“

8. Yoga ist eine Praxis der Aufrichtung, körperlich wie seelisch.

Bei Vilas gehört, hängen geblieben, an dich weitergegeben. Punkt.

Workshop-Anusara-Yoga-Vilas-Turske

9. Es gibt keine einseitige Aktion, sie ist immer beidseitig.

„Verstanden Bettina?“ Vilas holte mich aus meiner Verträumtheit heraus, nachdem er folgendes gesagt hatte: „Es gibt keine einseitige Aktion, sie ist immer beidseitig.“ Eigentlich redeten wir über Yoga, doch dieser Satz schubste mich direkt in meinen eigenen aktuellen Film namens Leben. Diese eine Lehre, die mir noch nie so klar formuliert, wie von Vilas, präsentiert wurde, kann beim Yoga gelernt und im echten Leben erfahren und umgesetzt werden.

Wenn wir unsere rechte Körperseite bewegen, dann arbeitet die linke mit. Wenn wir unsere Vorderseite dehnen, spannen wir die Hinterseite an. Keine Bewegung ist einseitig und so ist es auch im Leben. Nichts was dir geschieht oder wie du behandelt wirst, kommt nur von außen, es kommt auch aus dir heraus.

10. Tu dir selbst was Gutes, bevor du anderen was Gutes tust.

Danke für den Reminder! Wie wollen wir vor einer Klasse sitzen und anderen beibringen gut zu sich zu sein, wenn wir es selbst nicht sind?

 

Lieber Vilas, vielen Dank für diesen inspirierenden Workshop, der neue Freude in mein Yoga gebracht hat!

P.S.: Vilas hat eine neue DVD zum Thema Pranayama veröffentlicht, dessen wundervoll freien Ansatz auch ich schon einige Jahre so praktiziere und weiter gebe:

DVD Pranayama 1 von Vilas Turske >>

Bildquelle: www.lebensflow.de

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Hi, ich bin Bettina, die Gründerin von Oh my Yogi, Yogalehrerin, Autorin und Reiseleiterin. Im Jahr 2000 entdeckte ich Yoga für mich und stand meine halbe Jugend lang auf dem Kopf, bevor ich elf Jahre später begann von meiner Leidenschaft zu leben und mich in die Freiheit der Selbstständigkeit zu verlieben. Hier teile ich meine Erfahrungen und schreibe über die Kunst, Yoga mit Herz zu leben und authentisch zu unterrichten.

5 Kommentare

  1. Tom sagt

    Liebe Bettina, die tolle „Männer-Begegnung“ mit Vilas im Rahmen des Anusara Retreat in Kreta Mitte Mai 2015 ist bei mir persönlich sehr nachhaltig und von ganz besonderer Güte. Dein Beitrag läuft wie ein Film vor mir ab und ist wunderbar verfasst – vielen Dank! Namaskar Tom

    • Hallo Tom,

      lieben Dank! Ich habe auch sehr schöne Erinnerungen und es steht fest, schon bald werde ich Vilas wieder zu einem Workshop besuchen, und dann vielleicht auch mal Lalla kennenlernen. Schön zu hören, dass andere es ähnlich erfahren haben.

      Lieben Gruß
      Bettina

  2. Hallo Bettina,

    danke für diesen schönen Artikel.
    Ich sage 10x laut ganz einfach: „Ja!“ :)

    Liebe Grüße,
    Susanna

  3. Liebe Bettina,
    vielen Dank für diesen inspirierenden Einblick! Ja, bei mir hat Vilas es auch schon mal geschafft, mich in eine Position zu bringen, die ich noch nicht für möglich gehalten hatte. Seltsamerweise hat es Zuhause dann nicht mehr geklappt ;-).

    Nur eine Sache möchte ich anmerken: Der Manomaya Kosha und der Vijnanamaya Kosha sind meiner Meinung nach nicht richtig beschrieben. Der ManomayaKosha beinhaltet auch alles Intellektuelle, den Mind, den Manas. Und der Vijnanamaya Kosha ist die Ebene der Intuition, das „Über-Wissen“, eine höhere Intelligenz und Unterscheidungskraft. Ich hab die Koshas auch auf meinem Blog beschrieben, den ich gerade erst aufbaue (und der erschreckenderweise das selbe Theme nutzt wie du).

    • Hallo Sarah,

      ich habe die Koshas nur kurz angeschnitten. Mit einem ganzen Artikel über das Thema, kann ich in einem Absatz natürlich nicht mithalten ;-)

      Viel Erfolg mit deinem Blog und lieben Gruß
      Bettina

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