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Ahimsa – oder die Sache mit dem „nett sein“…

Ahimsa - oder die Sache mit dem „nett sein“... | Diesen Text habe ich geschrieben, bevor die schrecklichen Bilder aus Hamburg - der Stadt, in der ich zurzeit lebe - um die ganze Welt gingen. An dem vergangenen Wochenende bekam er eine neue Bedeutung...

Diesen Text habe ich geschrieben, bevor die schrecklichen Bilder aus Hamburg – der Stadt, in der ich zurzeit lebe – um die ganze Welt gingen. An dem vergangenen Wochenende bekam er eine neue Bedeutung…

Auf meiner Webseite schrieb ich einmal ziemlich plakativ:

'Ich finde, Yogalehrer sind zur Freundlichkeit verpflichtet.'Click To Tweet

Das hört sich vielleicht ein bisschen romantisch-naiv an, vielleicht übertrieben und für manche, die mich kennen, sogar fast ironisch.

Der Satz ist für mich eine Erinnerung daran, dass ich niemanden mehr verletzen möchte.

Zumindest nicht bewusst! Verletzen bedeutet ja nicht immer, dass ich jemandem eine über die Rübe ziehen muss. Sondern verletzen kann ich ebenfalls mit Worten und meinem Verhalten – auch ohne körperliche Gewalt. Nur weil ich mein Verhalten nicht verletzend finde, muss das nicht heißen, dass sich mein Gegenüber dadurch nicht verletzt fühlt. Ich finde, wir sollten uns zumindest Mühe geben, anderen gegenüber stets fair zu sein. Im besten Fall freundlich, aber mir ist schon klar, dass das nicht immer gelingt.

Ich finde nicht, dass Yogalehrer alles einstecken müssen, immer den Mund halten, immer entspannt sein und in jeder Situation korrekt handeln müssen. Natürlich nicht. Wer kann das schon? In meinem Unterricht mache ich viele blöde Sprüche. Ich versuche aber Vorbild zu sein, wenn es darum geht rücksichtsvoll zu handeln.

Lesetipp: Ahimsa: Können wir einen Teil zum Frieden auf dieser Welt beitragen? >>

Im Yoga wird so viel über Ahimsa diskutiert.

Der Aufschrei ist riesig, wenn man als Yogi heutzutage nicht vegan oder nicht mal vegetarisch lebt. Da reißen alle die Mäuler auf, wenn es darum geht, ob man nun eine Kuh essen darf oder nicht, und gleichzeitig fallen sie verbal über diejenigen her, die die Kuh noch essen. Mit bösen Worten um sich werfen, unfreundlich oder arrogant gegenüber anderen sein, das ist nicht so schlimm. Hauptsache du hast diese Woche noch keine Ameise totgetrampelt. Wie man mit den Mitmenschen umgeht, scheint für viele eher nebensächlich zu sein, solange sie darüber predigen, dass wir gegenüber den Tieren Ahimsa üben sollen.

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Verletzen kannst du sogar mit Blicken.

Ich weiß, dass ich das kann. Ich kann meine Augen auf so eine gemeine Art und Weise verdrehen, dass mein gegenüber sofort versteht, dass ich ihn gerade für total bescheuert oder doof halte. Es mag viele Menschen geben, denen das total egal ist, weil sie genug Selbstbewusstsein haben, um darüber zu stehen, was andere über sie denken oder sagen. Aber manche verletzt es eben auch. Und das will ich nicht. Ich will niemanden verletzen.

Wir sind plötzlich in einer Situation, die unsere Generation im Westen so noch nicht erlebt hat.

Ständig hören wir von Terror. In Manchester werden Jugendliche in die Luft gesprengt, die zu einem Konzert wollten. In London fährt einer aus Hass in eine Menschenmenge vor einer Moschee. Und in Hamburg zerstören – zum Teil sehr junge Menschen – einen Stadtteil und üben unfassbare Gewalt auf Polizisten aus. Ich frage mich, mit welchen Werten sie aufgewachsen sind und auch mit wie viel Liebe?

Wir leben in einer Zeit, in der selbst Kriege in unseren Ländern nicht mehr abwegig scheinen. Und darum finde ich es um so wichtiger, anderen Menschen gegenüber – egal wie gut wir sie kennen – ein bisschen Wärme und Herzlichkeit zu zeigen. Ich kann das auch nicht immer. Nicht immer scheint die Sonne aus meinem Arsch. Aber ich ertappe mich mittlerweile in Momenten, in denen ich mich nicht fair oder grundlos nicht freundlich gegenüber anderen Menschen verhalten habe. Dass mich das alleine schon zum Nachdenken bringt und den Wunsch in mir wachsen lässt, es beim nächsten mal besser zu machen, das verstehe ich darunter, wenn ich schreibe: „Ich finde, Yogalehrer sind zur Freundlichkeit verpflichtet.“

Gerade als Yogalehrer sollten wir wissen, dass nicht alle in ihrem Leben mit Liebe überschüttet wurden.

Wir sollten uns stets daran erinnern, dass fast alle von uns ihr Päckchen zu tragen haben und nicht ständig gute Tage haben. Jemandem mal einfach so ein Lächeln zu schenken, das finde ich in diesen Zeiten, in denen wir so oft daran erinnert werden, dass unser Leben und das unserer Liebsten ein riesengroßes Geschenk ist, nicht selbstverständlich. Es sollte täglich gefeiert werden.

 

Die stärkste Antwort auf Hass ist die Liebe.

Tine

Ahimsa - oder die Sache mit dem „nett sein“... | Diesen Text habe ich geschrieben, bevor die schrecklichen Bilder aus Hamburg - der Stadt, in der ich zurzeit lebe - um die ganze Welt gingen. An dem vergangenen Wochenende bekam er eine neue Bedeutung...
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Hi, ich bin Tine, Yogalehrerin, Sportwissenschaftlerin und Autorin des Buches Yoga ist ein Arschloch. Ich unterrichte Poweryoga und bin seit April 2015 als „Therapeutic Yoga Teacher“ registriert. Verheiratet mit einem zweimaligen Olympiateilnehmer im Hammerwerfen, bin ich der Meinung, dass Kniebeugen ebenso wichtig sind, wie eine regelmässige Yogapraxis. Seit neuestem lebe ich mit meiner Familie in Hamburg.

7 Kommentare

  1. Tine,
    Chapeau für Deine Haltung. In unsere Welt leider nicht selbstverständlich. Auch Nicht-Yogalehrer sind zur Freundlichkeit verpflichtet. Eigentlich.

    • Lieber Dieter, danke für deine Worte. Recht hast du. Ich wünsche dir eine schöne Woche mit freundlichen Menschen ;-)

  2. Sehr schoen, liebe Yoga-Kollegin :) eine harte Aufgabe, Gewaltlosigkeit zu üben, wenn dir gegenüber der Wahnsinn tobt… im yoga allerdings gibt es auch Schlachtfelder, auf denen die einen rechte zu urteilen haben, alles fuer unsere ganz persönliche Auseinandersetzung im inneren :) von daher ein doppelter Konflikt…
    Peace, Sabine

    • Liebe Sabine, das ist so. Deswegen sage ich ja auch immer wieder gerne: Yoga kann ein richtiges Arschloch sein ;-) Herzlichst, Tine

  3. Super Post. Frieden fängt in dir und in deiner unmittelbarem Umgebung/Familie/Freunde an und kann dann von dorr aus weiter in die Welt getragen werden…wie eine Kettenreaktion. Es ist so.viel leichter sich über das Fehlverhalten anderer (nicht veganer etc…) aufzuregen als an seinen eigenen Kern zu gehen und sich mit seinen eigenen unfehlbarkeiten auseinander zu setzen. Danke für deine Gedanken.

    • Miri, vielen Dank für deine schöne Nachricht! Das ist genau richtig, wenn jeder von uns versucht, die beste Version von sich selbst zu sein, haben wir schon genug zu tun und müssen nicht über andere urteilen. Ich weiß, dass das nicht leicht ist. Aber seine Urteile anderen gegenüber sollte man immer mal wieder hinterfragen. Ich wünsche Dir einen wunderbaren Sommer!

  4. Hi Tine,

    so erfrischend! Ich bin selbst auch Yogini und Yogalehrerin, auf Bali lebend und insbesondere hier wird um das Thema Yoga eine riesen Blase geschaffen. Warst du nicht im Yogabarn wirst du als Yogi belächelt, es herrscht viel Abschottung und Verurteilung. „Diese Yogalehrerin lebt nicht vegan, das geht ja gar nicht“. Das ist meiner Meinung alles andere als Ahimsa. Wie können wir über andere urteilen, dass sie nicht Ahimsa leben und unser niederschmetterndes Urteil nicht in Frage stellen? Schwierig.

    Ahimsa findet nicht nur gegenüber Tieren statt, sondern auch gegenüber unseren Mitmenschen und auch uns selbst.

    Ich sehe das genauso wie du!

    Liebe Grüße,

    Jasmin

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